Der Opel Corsa-e – Umparken im Kopf ?

Tatsächlich zählt Opel zu den Herstellern, welche sich schon lange mit Elektromobilität befassen, doch wollte der Durchbruch bislang nicht so recht gelingen. Bereits Ende der 90er Jahre brachte Opel unter Regie von GM den EV1 auf den Markt. Den Zweisitzer konnte man damals nur mieten, er brachte es auf bis zu 225 Kilometer Reichweite und konnte in 3h aufgeladen werden. Sehr zum Unverständnis der Besitzer wurden bis 2002 alle EV1 von Opel zurückgerufen und bis auf 3 Exemplare verschrottet. War Opel damals seiner Zeit voraus ? Es hat den Anschein und wer weiß, wo Opel heute stehen würde, hätte man die Entwicklung Ende der 90er Jahre fortgeführt – vermutlich hätten sie noch vor Tesla ein Elektroauto mit 500 km Reichweite auf den Markt gebracht und wären heute ein global Player der Elektromobilität…doch das ist alles Mutmaßung.

2012 kam Opel mit dem Ampera als einer der ersten Hersteller mit einem Plug-In-Hybriden auf den Markt. Die Idee dahinter, den Menschen den Umstieg auf Elektromobilität zu erleichtern, indem man zusätzlich zum Elektromotor einen Verbrennungsmotor einbaute, welcher als Generator diente und somit gewährleistete, dass einem der Strom nicht ausgeht. Mit 40 bis 80 Kilometern elektrischer Reichweite, sollte genügend Saft im Akku sein, um das Tagesgeschäft zu erledigen. Aufgrund des stolzen Preises von über 45000 € floppte der Ampera jedoch und auch eine spätere Preissenkung verhalf dem Opel nicht zum gewünschten Erfolg.

Doch Opel gab nicht auf, 2017 brachte man mit dem Ampera-e wieder ein reines Elektroauto auf den Markt, welches mit 380 WLTP-Kilometern die Reichweitenangst nehmen sollte. Mit mehr als 40000€ war auch der ein wenig an den Meriva erinnernde Ampera-e kein Schnäppchen, ferner war er schwer zu bekommen, da sich zur Veröffentlichung bereits ankündigte, dass GM Opel verkaufen möchte. Somit wurde der Ampera-E trotz guter Werte leider ebenfalls nicht zum Verkaufsschlager.

Nach dem Wechsel zur PSA-Gruppe, wagt Opel einen neuen Versuch in die Elektromobilität einzusteigen und bringt eines der beliebtesten Modelle, den Corsa, elektrifiziert auf den Markt

Viel Elektroauto fürs Geld

Bereit für die City – Bereit für die Zukunft, so bewirbt Opel auf seiner Webseite den Bestseller aus Rüsselsheim. Wobei Rüsselsheim nicht ganz korrekt ist, der neue Corsa-e basiert auf der PSA-Plattform und ist somit technischer Drilling zum Peugeot e208 und dem DS e-Tense.

Die gemeinsame Plattform ermöglich eine kostengünstige Produktion daher bekommt man den Corsa-e mit guter Grundausstattung bereits für unter 30000 €.

In der Basisversion verfügt der Kleinwagen mit dem Blitz bereits über einen aktiven Spurhalteassistenten, eine Verkehrsschilderkennung, digitales Multimedia Radio mit Android Auto und Apple Carplay, Klimaautomatik, Wärmeschutzverglasung und Dank Opel Connect sogar über Vorklimatisierung. In der rund 2500 € teueren Variante „Elegance“

bekommt man dann u.A. Extras wie LED-Scheinwerfer & Nebelscheinwerfer, LED Ambientebeleuchtung, elektrische Fensterheber hinten und 16″ Leichtmetallfelgen dazu, diese Ausstattungs-Variante würde ich empfehlen. Wer dazu noch Rückfahrkamera, Totwinkelassistent, Einparkhilfe, Abstands-Regel-Tempomat, LED-Matrix-Licht, Sitz- & Lenkradheizung, Ledersitze, kabelloses Aufladen des Mobiltelefons, getönte Scheiben im Fond, Panorama-Sonnendach Navi mit 10″ Bildschirm und schlüssellosen Zugang wünscht, treibt den Preis auf 39025 € und erhält somit Vollausstattung inkl. 3-Phasen Lader für die Gleichstromladung und ein Typ2-Ladekabel. Somit bleibt ein voll ausgestatteter Corsa-e unter 40000€, zieht man die aktuelle Prämie von knapp 10000€ ab würde man unter 30000 € liegen.

Design & Komfort und Platzangebot

Mit dem Corsa, wie man Ihn kennt, hat der neue Corsa-e nicht mehr viel zu tun. Man merkt, dass der Corsa-e auf einer neuen Plattform aus dem PSA-Konzern basiert, so ist der einstige Kompaktwagen spürbar gewachsen, was aber kein Nachteil ist. Auch in der Form erinnert nichts mehr an den Corsa, der Neue kommt sehr sportlich daher, was natürlich durch die Farbkombination aus Power-Orange und schwarzem Dach noch unterstrichen wird.

Hinter dem Cockpit sitzt es sich sehr bequem, die Stoff-Kunstledersitze vermitteln einen guten Seitenhalt. Leider ist der Sicherheitsgurt nicht verstellbar, so dass dieser in meinem Fall unangenehm am Hals gerieben hat. Eine längs verschiebbare Armstütze mit Mini-Stauraum macht auch längere Fahrten bequem.

Vorne im Mitteltunnel befindet sich eine Ablagefläche für Smartphones, welche optional mit einer induktiven Ladeschale geordert werden kann. Dieses Fach ist jedoch knapp bemessen, mein iPhone XS passte mit angeschlossenem Ladekabel gerade so quer hinein.

Ebenfalls knapp geht es im Fond zu. Den Fahrersitz auf mich eingestellt (1,81m), kann ich mich hinten nur einfädeln. Die Beinfreiheit ist in Ordnung, mit dem Kopf stoße ich aber bereits an die Decke und die vollständig ausgezogene Kopfstütze drückt mir ins Kreuz, lange Strecken sind im deutlich kleineren eUp meiner Frau hinten bequemer.

Zu guter letzt der Kofferraum, der mit 267 Litern kein Raumwunder, für ein Fahrzeug dieser Klasse aber absolut angemessen ist. Die Sitze lassen sich asymetrisch umlegen, leider ergibt sich dann aber keine ebene Ladefläche da sich im Bereich der umgeklappten Rücklehnen eine Stufe bildet.

Hebt man den Teppichboden des Kofferraums an blickt man auf grundiertes Blech und ein kleines Fach für Werkzeug. Einen doppelten Boden zur Unterbringung des Ladekabels sucht man hier vergeblich.

Haptik & Verarbeitung

Wie in dieser Klasse üblich, findet man viel Hartplastik, wobei sich Opel um eine wertige Anmutung bemüht. So sind Teile der Hartplastik-Türverkleidung mit Kunstleder bezogen, Nähte lassen diese wertig wirken. Das Armaturenbrett besteht im oberen Teil aus aufgeschäumtem Kunststoff mit für meine Augen gewöhnungsbedürftig anmutendem Design.

Der untere Teil sowie der Mitteltunnel sind ebenfalls aus Hartplastik. Kunststoffzierleisten, sowie Türgriffe in Aluminiumoptik bringen ebenfalls eine wertige Anmutung ins Interieur. Den insgesamt ordentlich wirkenden Innenraum, trüben empfindliche Materialien.

So war der Klavierlack des gerade mal 1800 km glaufenen Vorführers aufs Übelste zerkratzt und der Dachhimmel aus filzähnlichem Material zog im Bereich des Einstiegs bereits Fäden, hier zeigt sich halt leider doch, dass man in einem Fahrzeug der Kleinwagenklasse sitzt.

So fährt der kleine Elektroopel

Was wohl am Meisten interessiert ist das Fahrverhalten des elektrischen Opel. Gestartet wird per Knopf und es offenbart sich einem ein Mäusekino, welches mehrere Ansichten zur Wahl stellt.

Gewöhnungsbedrüftig aber gut ist der Schalthebel. Um eine Fahrstufe einzulegen, muss seitlich ein kleiner Knopf gedrückt und der Hebel dann nach unten gezogen werden. Etwas verwirrend ist die Tatsache dass trotz aufgedrucktem P-R-N-D der Schalthebel für den Rückwärtsgang aus der Parkposition heraus nach oben gedrückt werden muss, die Anzeige auf dem Schalthebel lässt anderes vermuten. Der Corsa-e verfügt serienmäßig über eine elektronische Feststellbremse, den Knopf dafür hätte man sich aber sparen können, denn sobald eine Fahrstufe eingelegt ist und man sanft aufs Energiepedal drückt, löst sich die Parkbremse. Beim Abschalten des Motors, wird die Parkbremse automatisch angezogen.

Mit 100 kw ist der hessische Kleinwagen mit französischen Genen ordentlich motorisiert. Den Spurt von 0 auf 100 schafft er in 8,1 Sekunden. Der Corsa-e verfügt über 3 Fahrmodi, ECO, Standard & Sport, welche dem Fahrzeug eine jeweils andere Dynamik verleihen. Dabei dient der Ecomodus einer besonders effizienten Fahrweise wohingegen man im Sportmodus dynamischer unterwegs ist. Ich bin überwiegend im Standardmodus unterwegs gewesen, welcher für eine gute Beschleunigung und vernünftige Verbrauchswerte sorgt. Tritt man im Sportmodus das Energiepedal beim Ampelstart durch, so haben ASR und ESP alle Hand zu tun – ein partielles Durchdrehen der Räder kann jedoch nicht verhindert werden und die Vorderräder zerren ordentlich am Lenkrad. Was dem erfahrenen Elektromobilisten auffällt, ist dass der elektrische Corsa im Vergleich zu anderen Elektroautos laut erscheint. Ein Surren, wie von einem Getriebe, begleitet einen nahezu bei jeder Geschwindigkeit und dieses wird beim Verzögern oder Beschleunigen lauter. Somit bleiben dem Corsa-e Allüren eines Verbrenners erhalten.

Leider bietet der Corsa-e keine abgestufte Einstellung der Rekuperation an. Entweder fährt man in D ohne Rekuperation oder man schaltet in den B-Modus in welchem der Opel spürbar und hörbar verzögert. Allerdings geschieht dies nicht bis zum Stillstand, ein One-Pedal-Driving, wie man es von vielen anderen Stromern kennt, bietet der Corsa-e nicht an. Was mir ebenfalls fehlt, ist eine Auto-Hold-Funktion, die es einem ermöglicht, an der Ampel den Fuß von der Bremse zu nehmen.

Ergonomisch ungünstig finde ich die Bedienung des Tempomaten/Limiters. Zunächst wählt man den Modus aus, also Tempomat oder Limiter, danach muss man eine weitere Taste drücken, um den Modus zu aktivieren erst dann kann man mit einem kleinen Kipphebel am Lenkrad die Geschwindigkeit setzen, was sich je nach dem in welchem Winkel das Lenkrad gerade steht, schwierig gestaltet. Mittels einer Memo-Taste kann man eine Geschwindigkeit für den Limiter speichern, nicht so für den Tempomaten. Fährt man also von einer Landstraße in eine Ortschaft und wechselt vom Tempomaten auf den Limiter, kann man die zuvor für diesen gespeicherte Geschwindigkeit sofort aktivieren. Verlässt man dann wieder die Ortschaft und will den Tempomaten nutzen, ist die letzte verwendete Geschwindigkeit nicht mehr gespeichert. Leider ist das bei vielen Herstellern so. Einmal aktiviert, leistet der Abstands-Regel-Tempomat gute Dienste und bremst sogar bis zum Stillstand ab. Der Abstand zum Vordermann kann zwischen nah, normal und weit am Lenkrad ausgewählt werden, ferner kann über einen Knpf oberhalb des Schalthebels der Spurhalteassistent so aktiviert werden, dass das Fahrzeug automatisch lenkt, was erstaulich gut funktioniert. Allerdings darf man die Hand nicht zu locker am Volant halten, denn sonst fordert das Fahrzeug einen nach einiger Zeit auf, die Hände ans Lenkrad zu nehmen. Ist der Tempomat ausgeschaltet, greift der Spurhalteassistent nur ein, wenn man von der Spur abkommt.

Ladung und Stromverbrauch

Bei den Verbrennern ist Opel bekannt dafür, sparsame Motoren zu bauen, doch wie verhält es sich beim Stromer ?

An die Effizienz eines Hyundai IONIQ kommt der kleine Opel nicht heran, bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 14,8 kWh/100 km darf man aber auch nicht meckern. Ich bin insgesamt 109 Kilometer mit dem Corsa-e gefahren, darunter Beschleunigungsversuche und Vollstromfahrten. Im Stadt- & Überlandverkehr lag der Durchschnittsverbrauch bei 12,5 kWh/100 Kilometer

Die Testbedingungen waren zugegebenermaßen bei Temperaturen zwischen 22 und 25 Grad nahezu ideal, im Winter dürfte der Verbrauch höher liegen. Was der erfahrene Elektromobilist vermisst, ist eine Prozentanzeige des Ladezustands. Entweder war ich zu blöd, diese zu finden oder aber der Corsa zeigt tatsächlich nur die Restreichweite und ein Balkendiagramm an. Bei der Restreichweite ist man es auch eigentlich gewohnt, dass diese sich mit jedem gefahrenen Kilometer verändert, nicht so beim Opel. Gestartet mit 210 Restkilometern zeigte mir das Fahrzeug nach 12 Kilometern immer noch 210 Restkilometer an, obwohl der Balken des Ladezustands geschrupft war. Die vom Werk angegebenen 337 Kilometer Reichweite halte ich für realistisch, ausprobieren konnte ich das in der Kürze der Zeit leider nicht.

Spaß bereitet das Laden des 50 kWh großen Akkus an der HPC-Ladesäule. Bei knapp unter 70% Ladung lädt der kleine Opel mit knapp 50 kW, bei ca. 78 % fängt er an die Ladeleistung auf 22 kW zu drosseln. Sicher geht da bei manchen Mitbewerbern mehr, wenn man es gewohnt ist, mit 11 kW zu laden ist dies jedoch beeindruckend.

30 Minuten verspricht Opel von 0 auf 80%, das ist ein guter Wert, wenn man bedenkt, dass einem 80% für bis zu 250 Kilometer reichen.

Nicht zu empfehlen ist es, auf den 3-Phasigen Lader zu verzichten, denn an einer Phase nuckelt der elektrische Corsa sonst ewig. Vor Allem wenn nur 16A anliegen, denn dann fließen nur 3,4 kW. Die 1190 € Aufpreis für den 3-Phasigen Lader sollten also investiert werden, ebenso wie die 280 € für das Typ 2 Ladekabel.

Besser noch: Man wählt das Universal Ladekabel für 720 €, welches jede Steckdose zur Wallbox macht und an einer 16A Drehstromsteckdose 11 kW liefert. Dieses Kabel kann einem die teure Installation einer Wallbox sparen.

Fazit

Mit dem neuen Corsa-e könnte es Opel endlich gelingen, in der Elektromobilität Fuß zu fassen und den Einen oder Anderen zum Umparken im Kopf zu bewegen. Das Preis-/Leistungs-Verhältnis passt und wer alle Optionen wählt, bleibt noch unter 40000€ vor Prämie (unter 30000 € inkl. Prämie).

Sicher gibt es Fahrzeuge mit größeren Akkus, die 50 kWh ermöglichen Dank Schnellladung aber auch längere Fahrten ohne große Komforteinbußen und sind somit eigentlich ausreichend. Wer sich an Kleinigkeiten, die Materialanmutung und die nicht immer logische Bedienung betreffend nicht stört, erhält einen schicken elektrischen Kleinwagen, der durchaus Fahrfreude bereitet.

Einen Dank an das Autohaus Schilling für die Bereitstellung des Vorführwagens für eine Probefahrt.

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