Über Shitstorms und falsche Aussagen zum Elektroauto

Es ist schon zum Haare raufen was man da in den letzten Tagen zum Thema Elektromobilität hören, sehen und lesen muss und ich stelle mir die Frage, ob es daran liegt, dass selbst der gegenüber Elektromobilität konservativ eingestellte ADAC mittlerweile erkannt hat, dass in der Elektromobilität Potenzial steckt.

Was Sie über Elektromobilität wissen sollten

Reichweite, Kosten, Laden – wir klären die wichtigsten Fragen und räumen mit Vorurteilen auf.

ADAC Motorwelt 06/2019

In der aktuellen Motorwelt widmet sich der ADAC auf mehreren Seiten sehr positiv zum Thema Elektromobilität, das ist insofern erstaunlich, als dass der Automobilclub mit den gelben Engeln bislang in Bezug auf diese Antriebsform als zurückhaltend galt. Bereits in den vergangenen Wochen überraschte der ADAC mit einer Ladekarte in Kooperation mit der EnBW, welche bundesweit ein Laden an Ladesäulen des Verbundes für 29 Cent pro Kilowattstunde ermöglicht. Das Ladenetz ist groß und der Preis fair – dem ADAC scheint es ernst damit zu sein, Elektromobilität zu unterstützen.

Der Markt der Elektroautos fängt an zu wachsen, offensiv gibt sich gerade Volkswagen, Initiator des Dieselgates, in Sachen Werbung. Plakate, Fernsehwerbung, sogar bei Fußballspielen erkennt man auf den Banderolen das Bild eines in Magenta und Blau eingefärbten VW ID.3. Mercedes hat vor kurzem seinen Preis für den EQC angekündigt, ein EQV und ein EQA sollen in den nächsten 6 Monaten folgen. Opel elektrifiziert den Kleinwagen Corsa und seit dem Frühjahr des Jahres gehört das Tesla Model 3 zum Straßenbild – es scheint voran zu gehen in Sachen Elektromobilität

Ist Verunsicherung das Ziel ?

Wenn man an Verschwörungstheorien glaubt, so könnte fast der Eindruck entstehen, als würde man nun an anderer Stelle versuchen alles dafür zu tun, dem ohnehin schon skeptisch eingestellten deutschen Autofahrer, das Elektroauto wieder auszureden. Gerade jetzt, wo Elektromobilität sich verbreitet, kommen Berichte ins Fernsehen, deren Ziel es ist, das Elektroauto als Schmutzfinken darzustellen. Für große Entrüstung sorgte ein Beitrag des WDR, welcher reißerisch titulierte: „Elektroautos – Wie sie die Umwelt zerstören“. Nicht genug, dass in diesem Beitrag Teilnehmer des Elektroauto-Hebdos am Ladepark Kreuz Hilden mißbraucht wurden, um deren Aussagen zu sauberer Mobilität zu wiederlegen. Man stützte sich in dem Beitrag auf veraltete Studien zu CO2-Emissionen bei der Akkuherstellung. So wurde behauptet, dass die Herstellung eines 100kWh großen Akkus 17 Tonnen CO2 emittiert und ein Mittelklassewagen mit einem Verbrauch von 6 Litern Diesel damit bereits über 100000 km unterwegs gewesen wäre.

Nun ist diese „Schwedenstudie“ mittlerweile veraltet und neuere Studien kommen hier zu ganz anderen Ergenissen. So kann ein Elektroauto je nach Akkugröße bereits ab deutlich weniger als 100000 Kilometern sauberer unterwegs sein, als ein vergleichbarer Verbrenner, gerade im Kleinwagensegment armortisiert sich das Elektroauto deutlich früher. Ferner werden Äpfel mit Birnen verglichen, denn die wenigsten Elektroautos haben derlei große Akkus. Die Akkukapazität in der Kompakt- und Mittelklasse liegt zwischen 20 und 60 kWh, 100 kWh haben derzeit nur große Fahrzeuge wie Teslas Modelle S & X, selbst der Mercedes EQC schafft es lediglich auf 80 kWh. Hier werden also elektisch betriebene Oberklassefahrzeuge und SUVs mit thermisch betriebenen Fahrzeugen der Kompakt- und Mittelklasse verglichen.

Das Ergebnis dieses Berichtes ließ nicht lange auf sich warten, bereits wenige Stunden nach der Ausstrahlung, wurde der Beitrag in den sozialen Netzwerken als Argument gegen Elektromobilität geteilt – Bravo !
Der deutsche Autofahrer muss nach solchen Aussagen natürlich völlig verunsichert sein, was ist denn jetzt wirklich gut für die Umwelt ?

…und dann kommt Professor Lesch

Neben dem Bericht des WDR kursiert in den sozialen Netzwerken noch ein Bericht von Professor Lesch, der in ein ähnliches Horn bläst, wie der WDR-Bericht, in welchem Professor Lesch ebenfalls zu sehen ist. Für ihn ist das Wasserstoff-Fahrzeug die bessere Alternative für den Individualverkehr. Diese These stellt er heraus, obwohl er in seinem Beitrag erklärt, dass es kein effizienteres Fahrzeug gibt, als das Elektroauto. Ein Problem des Wasserstoffs ist die Speicherung, es ist sehr schwer das extrem flüchtige Gas dauerhaft zu speichern. Ferner muss Wasserstoff als Energieträger hergestellt werden und jede Form der Umwandlung von Energie ist mit Verlusten verbunden. Daher ist die direkte Nutzung von Strom effizienter, als Strom in Wasserstoff umzuwandeln, um damit dann wieder einen Elektromotor zu betreiben. In Zahlen bedeutet dies in Bezug auf die Energiekosten je 500 Kilometer laut Professor Lesch für das Elektroauto 25 €, für den Diesel 30 € und für Wasserstoff 50 €, das Wasserstoffauto wäre also im Betrieb doppelt so teuer wie das Elektroauto.

Dennoch sieht Professor Lesch im Wasserstoffauto die bessere Alternative und begründet dies zum Einen mit dem fragwürdigen Lithiumabbau und weiterhin mit dem Bedarf an Strom, der nötig wäre, würden wir alle elektrisch fahren. Hier bringt er das hanebüchene Beispiel eines zusammenbrechenden Stromnetzeses, wenn alle nach Feierabend ihr Elektroauto schnellladen würden. Davon dass der deutsche Durchschnittsautofahrer am Tag gerade mal 50 Kilometer fährt und es für die dafür verbrauchte Energie keiner Schnellladung bedarf, hat er offenbar noch nichts gehört. Nein, jeder will zeitgleich schnellladen, um nach Feierabend noch 500 Kilometer zu fahren ?!?
Ferner muss auch die Energie für den Betrieb mit Wasserstoff vorhanden sein, denn ein Elektromotor mit einem Verbrauch von 20kWh/100 Kilometern braucht eben das entsprechende Energieequivalent. Dem Motor ist es dabei vollkommen egal, ob die Energie aus einem Akku oder aus einer Brennstoffzelle kommt und wer in Physik aufgepasst hat, der weiß, dass Energie niemals verloren geht, sondern lediglich umgewandelt wird. Im Klartext heißt das, dass man auch die im Wasserstoff gespeicherte Energie zunächst in der Form von Strom benötigt, sicher mehr über den Tag verteilt aber sie muss vorhanden sein, sogar etwas mehr davon, da bei der Herstellung ja Verluste entstehen. Den 100%-tigen Ökostrom, welchen Professor Lesch für die Herstellung von Wasserstoff heranzieht, könnte man effizienter in Akkus speichern und über ein Netz transportieren, welches bereits vorhanden ist – unser Stromnetz. Bis wir soweit sind, dass Deutschland vollständig elektrifiziert ist, haben wir Smart-Grids, welche anhand von Fahrprofilen die intelligente und weniger netzbelastende Ladung von Elektroautos z.B. während der Arbeitszeit ermöglichen.

Zu den Lithiumvorkommen wird gänzlich verschwiegen, dass diese nicht nur in der Acatama-Wüste zu finden sind, sondern dass es Regionen gibt, in welchen sich Lithium deutlich umweltschonender fördern lässt. Es liegt folglich in der Verantwortung der Industrie, saubere Quellen für die Rohstoffe der Akkus zu suchen und zu nutzen, so wie es in der Verantwortung der Fahrer eines Elektroautos liegt, Strom aus regenerativen Quellen zu laden.

Doch trotz der höheren Effizienz eines batterieelektrschen Autos, sieht Professor Lesch die Brennstoffzelle vorne, Nachteil ist lediglich die klägliche Infrastruktur, die im Übrigen noch schlechter ist, als bei Elektrofahrzeugen. Derzeit ist es kaum praktikabel ein Wasserstoffauto zu fahren, ferner sind Fahrzeuge mit Brennstoffzelle noch teuerer in der Anschaffung als batterieelektrische Autos. Das kommt dem deutschen Elektroautoskeptiker natürlich gerade recht, denn was nicht praktikabel ist, kann man ja (noch) nicht nutzen und somit ist das Gewissen rein, weiter am Verbrenner festzuhalten, bis es Alternativen gibt – getreu der Devise: „Morgen, Morgen nur nicht heute…“

Die einzig saubere Lösung – Verzicht aufs Auto

Es muss uns allen klar sein, Individualverkehr fordert unserer Umwelt Einiges ab und jede Form des Individualverkehrs hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck. Natürlich ist es klug, bei der Einführung neuer Technologien auch die Nachteile zu beleuchten, ebenso muss man sich aber die Alternativen unter allen Aspekten betrachten. Auch das Elektroauto ist nicht die Saubermann, auch dieses hinterlässt Spuren, jedoch nicht in der Form, in der man es uns weissagen möchte.

Doch was ist die Alternative ? Weiter am Verbrennungsmotor festzuhalten, welcher seinen Kraftstoff bestenfalls mit einer Effizienz von 30% in Fortbewegung umsetzt ? Wie sauber ist denn bitte die Förderung von Öl ? Was ist mit der benötigten Energie für die Herstellung von Kraftstoffen, welche Verbrennungsmotoren füttern ? Ölsanden benötigt Unmengen an Trinkwasser, was Fracking für unsere Umwelt bedeutet, ist ebenfalls bekannt und der Transportweg von der Quelle bis in den Tank fordert ebenfalls jede Menge Energie und Infrastruktur.

Selbst wenn wir in der Lage wären, Kraftstoffe synthetisch aus regenerativer Energie herzustellen, bliebe ein grundlegendes Problem des Verbrennungsmotors, 70% der Energie verpuffen in unsere Athmosphäre als Wärmeenergie und heizen unser Klima weiter auf. Höhere Temperaturen, höhere Verdunstung weniger Wasser…auch in der Wüste von Acatama.

Und die Brennstoffzelle ? Derzeit noch ineffizient, teuer und es gibt kaum Infrastruktur.

Die Lösung für unsere Umwelt wäre ein vollständiger Verzicht auf den Individualverkehr, zu diesem Ergebnis kommt auch der Bericht des WDR. Natürlich ist das korrekt, ein Umdenken in unseren Köpfen und neue Verkehrskonzepte die auf einem deutlich besseren ÖPNV und Carsharingmodellen basieren, würden unserer Umwelt gut tun. Doch sind wir davon heute gerade in den ländlichen Regionen noch weit entfernt und man muss sich auch die Frage stellen, wie ökologisch ein Stadtbus für die Anbindung eines Dorfes mit 100 Einwohnern ist. Außerdem Hand aufs Herz, wer möchte denn ernsthaft auf den Komfort des eigenen Fahrzeuges, welches jederzeit und umgehend zur Verfügung steht verzichten ? Noch dürfte dies eine Minderheit der Autofahrer sein.

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